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Altona Geschichte: Von der Fischerschänke zur Hamburger Vorzeigestadt

Fast 500 Jahre an der Elbe, vom Krug an der Hamburger Grenze über die zweitgrößte Stadt Dänemarks und die preußische Großstadt bis zum neuen Quartier Mitte Altona.

Von Heike Lorenz | 19. Juni 2026
Altona Geschichte: Von der Fischerschänke zur Hamburger Vorzeigestadt © Foto: Peter Suhr (1788-) / Wikimedia Commons (Public domain)
Die Palmaille in Altona: Die unter dänischer Herrschaft angelegte Prachtstraße erinnert bis heute an die Blütezeit der Stadt im 18. Jahrhundert.

Wer heute durch Altona geht, läuft durch eine Stadt, die einmal eine eigene war. Unter der Palmaille liegt die Spur der dänischen Glanzzeit, im Altonaer Rathaus steckt ein alter Eisenbahnbahnhof, und an der Großen Bergstraße erinnert wenig daran, dass hier über Jahrhunderte Hamburgs gefürchtetster Konkurrent stand.

Altona ist der Hamburger Bezirk, der lange gar kein Hamburg sein wollte. Die Belege reichen weit zurück: von der Fischerschänke an der Grenze über die zweitgrößte Stadt des dänischen Gesamtstaats bis zum neuen Quartier Mitte Altona. Diese Chronik führt vom Krug des Joachim von Lohe bis zum Bahnhofsneubau am Diebsteich.

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Die Anfänge: Ein Krug an der Hamburger Grenze

Die Geschichte Altonas beginnt nicht mit einer Stadtgründung, sondern mit einem Wirtshaus. Um 1535 ließ sich der Fischer und Krüger Joachim von Lohe in der Grafschaft Holstein-Pinneberg nieder, dicht an der Grenze zu Hamburg am Grenzbach Pepermölenbek. 1536 bat er Graf Ernst von Schauenburg um die Erlaubnis, ein Haus am Weg zwischen Hamburg und Neumühlen zu errichten.1

Urkundlich greifbar wird der Ort 1537, als sich Hamburg über die Konkurrenz der Schänke beschwerte. Die berühmte Deutung des Namens, der Krug habe Hamburg "all to nah" gelegen, stammt erst aus dem Jahr 1602 von einem Enkel des Wirts und gilt heute als nachträgliche Legende. Wahrscheinlicher leitet sich der Name von einer bereits bestehenden Flurbezeichnung ab, etwa von einer "Altenau" am Grenzbach.2

Glaubensfreiheit unter den Schauenburgern

Die kleine Siedlung wuchs aus einem einfachen Grund schnell: Sie nahm Menschen auf, die Hamburg nicht haben wollte. Die Grafen von Schauenburg gewährten Religionsflüchtlingen und Gewerbetreibenden, die anderswo keine Zunftrechte bekamen, ungewöhnliche Freiheiten.

1601 wurde Reformierten und Mennoniten die freie Ausübung ihrer Religion gestattet, ab 1612 ließen sich jüdische Familien als "Schutzjuden" in Altona nieder. 1603 siedelte Graf Ernst zugewanderte Handwerker an der Großen und Kleinen Freiheit an, befreit von den Zunftbeschränkungen. Schon 1620 zählte Altona rund 1.500 Einwohner.3

Stadt der vielen Glauben

Um 1790 standen in Altona acht christliche Kirchen nebeneinander: drei evangelisch-lutherische, zwei reformierte, eine mennonitische, eine römisch-katholische und eine Herrnhuter Brüdergemeine, dazu zwei jüdische Synagogen. Toleranz war hier nie nur Ideal, sondern handfeste Wirtschaftspolitik. Wer Handelsnetze mitbrachte, war willkommen.

1664: Das dänische Stadtrecht

1640 fiel die Grafschaft Holstein-Pinneberg und damit Altona an den dänischen König. Am 23. August 1664 stellte König Friedrich III. von Dänemark einen "Offenen Brief" aus, der Altona Stadt- und Bürgerrecht verlieh. Dieses Datum gilt bis heute als offizielle Geburtsstunde der Stadt.4

Das Stadtprivileg war vor allem als Waffe gegen Hamburg gedacht. Es garantierte allen Gewerbetreibenden, sich unabhängig von Herkunft und Bekenntnis niederzulassen und ihre Religion frei auszuüben. Dazu kamen Zollfreiheit, Markt- und Stapelrechte sowie der erste Freihafen Nordeuropas. Aus dem Fischerdorf wurde binnen weniger Jahrzehnte die zweitgrößte Stadt des dänischen Gesamtstaats nach Kopenhagen.5

1713: Der Schwedenbrand und der planmäßige Wiederaufbau

Mitten im Großen Nordischen Krieg traf Altona eine Katastrophe. Im Januar 1713 ließen schwedische Truppen unter General Magnus Stenbock die Stadt bei Frost niederbrennen, als Vergeltung im Konflikt mit Dänemark. Ein Großteil der Häuser ging in Flammen auf, viele Einwohner kamen in der Kälte um.6

Der dänische König reagierte schnell. Im März 1713 setzte er Detlef von Reventlow als Oberpräsidenten ein und ließ die Stadt planmäßig wieder aufbauen. In dieser Phase entstand das geradlinige Straßenbild rund um die Königstraße, und die schon 1639 unter dem letzten Schauenburger angelegte Palmaille wurde zur repräsentativen Prachtstraße der dänischen Beamten und Kaufleute ausgebaut.

Die dänische Blütezeit im 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert war Altonas goldene Epoche. Als zollfreie Handels- und Hafenstadt wuchs der Ort zu einem Zentrum von Werften, Reedereien und Tabakmanufakturen. Um 1740 arbeiteten in Altona drei große Werften und zahlreiche Bootsbauer, 1722 bis 1724 entstand der neue Holzhafen.7

1738 wurde das Christianeum als akademisches Gymnasium gegründet, benannt nach dem dänischen König Christian VI. Die Palmaille mit ihren klassizistischen Stadtpalais, viele davon vom Architekten Christian Frederik Hansen entworfen, zeugt bis heute von diesem dänischen Wohlstand. Wer mehr über die erhaltenen Bauten wissen will, findet sie in unserer Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Altona.

Altona war im 18. Jahrhundert nach Kopenhagen die zweitgrößte Stadt des dänischen Gesamtstaats.
Aus der Altonaer Stadtgeschichte

1844: Die Eisenbahn nach Kiel

Den Sprung in die Moderne brachte die Schiene. 1844 nahm die Christian-VIII.-Ostseebahn der Altona-Kieler Eisenbahn-Gesellschaft den Betrieb auf und verband die Stadt mit Kiel an der Ostsee. Der Bahnhof an der heutigen Königstraße wurde zum neuen Zentrum, Altona zum Tor zwischen Nordsee- und Ostseehandel.8

Mit der Eisenbahn kam die Industrie. Im benachbarten Ottensen entstanden Fabriken, Eisengießereien und Druckereien. 1888 fiel mit dem Beitritt zum deutschen Zollgebiet die Zollgrenze zu Ottensen, 1889 wurde das Industriedorf nach Altona eingemeindet. 1896 zog der Hauptbahnhof an seinen heutigen Standort nördlich davon, der Kaiserplatz, heute Platz der Republik, wurde zum neuen Stadtmittelpunkt.9

Ein Bahnhof wird Rathaus

Das alte Bahnhofsgebäude von 1844 blieb erhalten. Nach der Verlegung des Bahnhofs 1896 baute Stadtbauinspektor Emil Brandt das Empfangsgebäude im Stil der italienischen Renaissance zum dritten Altonaer Rathaus um. 1898 wurde es eingeweiht, das Giebelrelief schuf unter anderem der junge Ernst Barlach. Heute sitzt dort das Bezirksamt.

1867: Preußische Großstadt

Die politische Landkarte verschob sich. Im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 verlor Dänemark die Herzogtümer Schleswig und Holstein, und nach dem Deutschen Krieg von 1866 wurde Altona 1867 preußische Stadt in der neuen Provinz Schleswig-Holstein.10

Als preußische Großstadt erlebte Altona einen kräftigen Aufschwung. Hafen, Fischauktionshalle und Industrie wuchsen, die Einwohnerzahl stieg auf über 170.000. 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, feierte die Stadt mit einer großen Gartenbauausstellung ihr 250-jähriges Stadtjubiläum, in deren Folge der Altonaer Volkspark entstand. Wie sich der Bezirk heute zusammensetzt, zeigt unsere Übersicht der Stadtteile in Altona.

Weimarer Republik und der Altonaer Blutsonntag

1924 wählte Altona den Sozialdemokraten Max Brauer zum Oberbürgermeister. Brauer modernisierte die Stadt, ließ Grünanlagen, Bäder und Wohnungen bauen und galt als einer der fähigsten Kommunalpolitiker der Republik. 1927 entstand durch ein preußisches Gesetz Groß-Altona, das umliegende Orte bis Rissen und Stellingen eingemeindete.11

Die politische Lage spitzte sich zu. Am 17. Juli 1932 marschierten rund 7.000 zum Teil bewaffnete SA- und SS-Männer durch die Arbeiterviertel Ottensen und Altona. In den folgenden Straßenkämpfen und der wilden Schießerei der Polizei starben 18 Menschen. Der "Altonaer Blutsonntag" ging als eines der dunkelsten Vorzeichen vom Ende der Weimarer Republik in die Geschichte ein.12

Nur drei Tage später, am 20. Juli 1932, nutzte Reichskanzler von Papen die Ereignisse als Vorwand für den "Preußenschlag" und setzte die preußische Landesregierung ab. In einem Schauprozess wurden 1933 vier Männer zum Tode verurteilt und am 1. August 1933 hingerichtet, darunter Bruno Tesch.13

1937/38: Altona wird Teil von Hamburg, gegen den eigenen Willen

Wie Spandau in Berlin verlor auch Altona seine Eigenständigkeit per Federstrich. Am 26. Januar 1937 verkündeten die Nationalsozialisten ohne Vorwarnung das Groß-Hamburg-Gesetz. Es beseitigte die Selbstständigkeit Altonas und der anderen preußischen Städte rund um Hamburg.14

Zum 1. April 1937 schied Altona aus der Provinz Schleswig-Holstein aus und bestand zunächst für ein Jahr als eigene Gemeinde innerhalb Hamburgs fort. Zum 1. April 1938 wurde die Stadt vollständig in Hamburg eingegliedert. Aus der dänisch-preußischen Großstadt wurde ein Hamburger Bezirk.15

Hamburg wuchs um 80 Prozent

Das Groß-Hamburg-Gesetz brachte neben Altona auch Wandsbek, Harburg-Wilhelmsburg und 27 weitere Gemeinden zu Hamburg. Die Hansestadt wuchs flächenmäßig um rund 80 Prozent und bevölkerungsmäßig um 41 Prozent. Der Jahrhunderte alte Wettstreit zwischen Hamburg und Altona endete damit zugunsten Hamburgs.

Krieg, Max Brauers Rückkehr und "Neue Altona"

Im Juli 1943 zerstörte der alliierte Bombenkrieg große Teile der Altonaer Altstadt, das alte Rathaus an der Königstraße und ganze Straßenzüge. Das industriegeprägte Ottensen blieb vergleichsweise verschont. Nach dem Krieg lag das historische Zentrum in Trümmern.16

Max Brauer, 1933 von der SA aus dem Rathaus vertrieben und ins Exil getrieben, kehrte 1946 nach dreizehn Jahren aus den USA zurück. Am 15. November 1946 wurde er Erster Bürgermeister von Hamburg, ein Amt, das er mit einer Unterbrechung bis 1960 innehatte. Unter seiner Ägide entstand das städtebauliche Großprojekt "Neue Altona", das die zerstörten Quartiere mit Zeilenbauten und Grünflächen neu ordnete.17

1949 erhielt Altona eine eigene Bezirksverwaltung im wiederhergestellten Rathaus. In den Jahrzehnten danach blieb der Bezirk geprägt von einem Nebeneinander aus bürgerlichem Elbvorort im Westen und dichtem Arbeiterviertel im Osten, eine Spannung, die bis heute die Lebenshaltungskosten in Altona sehr unterschiedlich ausfallen lässt.

Ausblick: Mitte Altona und der neue Bahnhof

Die kommenden Jahre verändern Altona so stark wie kaum eine Epoche seit der Eingemeindung. Auf den frei werdenden Bahnflächen entsteht das neue Quartier Mitte Altona, in mehreren Bauabschnitten mit Wohnungen, Parks und Schulen auf ehemaligem Gleisgelände.18

Kern des Umbaus ist die Verlegung des Fern- und Regionalbahnhofs. Rund 1,9 Kilometer nördlich, am bisherigen S-Bahnhof Diebsteich, baut die Deutsche Bahn einen neuen Bahnhof Hamburg-Altona. Bund, Stadt und Bahn investieren zusammen rund 548 Millionen Euro, der neue Bahnhof soll täglich rund 25 Prozent mehr Züge aufnehmen. Nach mehreren Verzögerungen wird die Inbetriebnahme inzwischen frühestens für Dezember 2029 erwartet.19

Auf dem dann frei werdenden Gleisvorfeld des alten Kopfbahnhofs soll der zweite Bauabschnitt von Mitte Altona mit rund 1.900 weiteren Wohnungen entstehen. Der unterirdische S-Bahnhof Altona und der zentrale Busbahnhof bleiben dagegen am bisherigen Standort.20

Was sich nicht ändert, ist Altonas Doppelnatur: hier die villenbesetzten Elbhänge mit Blick auf den Strom, dort die dichten, lebendigen Viertel rund um die Große Bergstraße. Wie viele Menschen heute zwischen Elbe und Volkspark leben, zeigt unser Hub zu den Einwohnern Altonas. Die Lage am Wasser, einst Gründungsgrund eines Fischerkrugs, bleibt der Anker für die nächsten Kapitel.

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